Archiv für den Monat: März 2025

Zur aktuellen Diskussion: „Interdisziplinäre System-Bildung“

Roland Oesker: Eine kurze Betrachtung zweier Positionen zum Thema „Interdisziplinäre System-Bildung“.

Hier geht es um eine relevante Publikation, ein bildungstheoretischer Ansatz mit Musterbeispielen, empirischen Studien und Implementationsstrategien und Erörterung elementarer Mittel der Erkenntnis-Tätigkeit in Lernprozessen. Die „Interdisziplinäre System-Bildung“ ( Wilhelm Walgenbach), hat einen besonderen Bezug zur Systemtheorie und der systemischen Wechselwirkung und systemischen Selbstorganisation im Zusammenhang von selbsttätigen Erkenntnis- und Lernprozessen.

Im Jahr 2000 erschien auch eine Publikation von Niklas Luhmann, die die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der systemischen Wechselwirkung und systemischen Selbstorganisation im Zusammenhang mit selbsttätigen Erkenntnis- und Lernprozessen lenkte. Die Publikation trägt den Titel „Die Gesellschaft der Gesellschaft“.

Luhmann, wandte die Theorie der sozialen Systeme auf Bildungsprozesse an. In diesem Werk betont er, dass Lernen und Erkenntnisprozesse nicht nur individuell, sondern vor allem als Teil von komplexen, selbstorganisierenden sozialen Systemen zu verstehen sind. Dabei spielt die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Teilsystemen (wie beispielsweise Schule, Familie oder Medien) eine zentrale Rolle. Diese Sichtweise lenkte das Augenmerk auf die dynamischen, selbstorganisierten und oft nicht linearen Lernprozesse, die durch systemische Rückkopplungen und Interaktionen entstehen.

Wilhelm Walgenbach ist ebenfalls ein relevanter Name im Bereich der interdisziplinären System-Bildung, insbesondere im Kontext der Systemtheorie und ihrer Anwendung auf soziale und bildungsbezogene Fragestellungen. Walgenbach ist bekannt für seine Arbeiten, die die Systemtheorie nach Niklas Luhmann kritisch reflektiert auf unterschiedliche gesellschaftliche und bildungsorientierte Themen anwenden.

Walgenbach hat die Bedeutung der Systemtheorie in verschiedenen Bereichen untersucht, darunter auch die Auswirkungen der systemischen Perspektive auf Lernprozesse und die Interdisziplinarität innerhalb von Bildungssystemen. Besonders hervorzuheben ist, dass Walgenbach das Konzept der Organisations- und Systemtheorie in die Praxis von Bildungsprozessen eingebracht hat, was ihm eine wichtige Rolle im Bereich der interdisziplinären System-Bildung verschafft hat.

Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Frage aus, wie interdisziplinäre Ansätze die Selbstorganisation von Lernprozessen und die kommunikativen Wechselwirkungen innerhalb von Bildungssystemen beeinflussen. In diesem Sinne trägt Walgenbach zu einem umfassenden Verständnis bei, wie Bildung als ein dynamisches, sich ständig selbst organisierendes System funktioniert, das durch die Interaktion von verschiedenen Disziplinen und Akteuren geformt wird.

In Kombination mit den Ideen von Luhmann über sozialwissenschaftliche Systemtheorien, die das Verständnis von Kommunikation und Selbstorganisation betonen, fügt Walgenbach dem interdisziplinären Diskurs eine Perspektive hinzu, die die strukturellen und prozessualen Aspekte des Lernens und der Bildung umfasst. Dabei setzt er sich kritisch mit dem Stand der Theoriediskussion auseinander.

In seiner Publikation „Interdisziplinäre System-Bildung“ von 2000 kritisiert Wilhelm Walgenbach die systemtheoretische Perspektive von Luhmann und Schorr, insbesondere die Annahme einer selbstreferenziellen Kausalität im System „Unterricht“. Walgenbach stellt sich gegen die Vorstellung, dass das System Unterricht, wie es von Luhmann und Schorr beschrieben wird, in einem geschlossenen, selbstreferenziellen Kreislaufsystem operiert, in dem es sich durch interne Prozesse und Kommunikation selbst reproduziert.

Hauptkritikpunkte Walgenbachs:

  1. Selbstreferentialität: Walgenbach kritisiert die Vorstellung einer strikten Selbstreferentialität im System des Unterrichts. Nach Luhmann und Schorr ist das System Unterricht ein selbstgenügsames System, das sich unabhängig von externen Einflüssen und in seiner eigenen Logik bewegt. Walgenbach lehnt diese Sichtweise ab, da er die Bedeutung von Interaktionen mit der Außenwelt und die Rolle der gesellschaftlichen, politischen sowie institutionellen Rahmenbedingungen betont.
  2. Reduktionismus: Walgenbach wirft Luhmann und Schorr vor, den Unterrichtsprozess zu stark auf systemtheoretische Kausalitäten zu reduzieren und dabei die komplexe soziale Realität und die tatsächlichen Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden zu vernachlässigen. Es sei nicht nur die systeminterne Kommunikation relevant, sondern auch die sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen, die das Bildungsgeschehen prägen.
  3. Kritik an der Kausalitätsannahme: Walgenbach kritisiert die Vorstellung einer linearen, systeminternen Kausalität, die das Unterrichtssystem vor allem als sich selbst steuernd und reproduzierend beschreibt. Diese Sichtweise verkenne die Vielschichtigkeit von Einflussfaktoren und die Dynamik, die im Unterricht durch externe und interne, aber auch reflexive Wechselwirkungen erzeugt wird.

Begriffe und Konzepte, mit denen Walgenbach seine Kritik stützt:

  • Interdisziplinarität: Walgenbach fordert eine interdisziplinäre Perspektive auf das Thema und kritisiert die zu enge Betrachtung von Luhmann/Schorr, die aus seiner Sicht zu einer Reduktion auf eine systemtheoretische Sichtweise führt.
  • Komplexität: Walgenbach betont die Komplexität von Bildung und Unterricht, die nicht einfach in systemtheoretische Modelle gepresst werden könne. Er argumentiert, dass die sozialen und kulturellen Dimensionen des Unterrichts sowie die aktiven Akteure – Lehrende und Lernende – in ihrer Komplexität und Interdependenz betrachtet werden müssen.
  • Kommunikationsprozesse: Walgenbach legt nahe, dass nicht nur die Kommunikation innerhalb des Systems betrachtet werden sollte, sondern auch die Kommunikation und Interaktionen mit und zwischen den Akteuren und deren Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Normen und Erwartungen.

Insgesamt lässt sich Walgenbachs Kritik auf den Punkt bringen: Die systemtheoretische Perspektive von Luhmann und Schorr sei in ihrer Betrachtung des Unterrichts als selbstreferenzielles, isoliertes System zu eindimensional und ignoriere die realen, oft chaotischen und komplexen Prozesse, die das Lehr-Lern-System tatsächlich prägen.

Wilhelm Walgenbach hat mehrere wichtige Beiträge zur Anwendung der Systemtheorie auf soziale und bildungsbezogene Fragestellungen veröffentlicht.

Die Werke von Walgenbach sind wichtig, weil sie es ermöglichen, Bildung nicht nur als rein individuelle Wissensaneignung zu verstehen, sondern als ein komplexes, sich ständig selbst organisierendes System, das durch kommunikative Prozesse und systemische Wechselwirkungen geprägt ist. Diese Sichtweise eröffnet neue Perspektiven für die Analyse und Gestaltung von Bildungsprozessen und fördert das Verständnis von Bildung als dynamischem, interdisziplinärem und sozialen Prozess.

Die Publikation „Interdisziplinäre System-Bildung“ von Wilhelm Walgenbach aus dem Jahr 2000 spielt eine zentrale Rolle im Kontext der interdisziplinären Anwendung der Systemtheorie auf Bildungsprozesse. In diesem Werk erweitert Walgenbach die Konzepte der Systemtheorie und deren Relevanz für die interdisziplinäre Bildung und Lernprozesse. Er verbindet dabei theoretische Perspektiven der Systemtheorie mit praktischen Aspekten der Bildung, was eine tiefere Auseinandersetzung mit der Verbindung von verschiedenen Disziplinen im Bildungsprozess ermöglicht.

Schwerpunkte der Publikation:

Interdisziplinarität als Grundprinzip: Walgenbach stellt die Interdisziplinarität als grundlegendes Prinzip in der System-Bildung heraus. In diesem Kontext wird Bildung nicht als isoliertes, disziplinär abgegrenztes Thema betrachtet, sondern als ein dynamischer, sich ständig verändernder Prozess, der die Integration von Wissen aus verschiedenen Disziplinen erfordert. Er argumentiert, dass interdisziplinäre Ansätze notwendig sind, um die Komplexität der modernen Bildungsprozesse zu erfassen.

Selbstorganisation und Kommunikation: Ein zentrales Konzept ist die Selbstorganisation im Bildungsprozess. Walgenbach beschreibt, wie Lernprozesse durch die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Systemen (z. B. Lehrer-Schüler, Institutionen, Medien) und durch die Kommunikation der Akteure in diesen Systemen beeinflusst werden. Lernen wird als ein selbstorganisierter Prozess verstanden, der auf der Basis von Interaktionen und der Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren erfolgt.

Praktische Implikationen für Bildungsprozesse: Walgenbach diskutiert, wie die Systemtheorie zur praktischen Gestaltung von Bildungseinrichtungen und Lernprozessen angewendet werden kann. Interdisziplinäre Perspektiven sind dabei von zentraler Bedeutung, da sie helfen, die Komplexität des Lernens und der Wissensaneignung zu begreifen und zu fördern. Walgenbach schlägt vor, Bildungsprozesse so zu gestalten, dass sie die verschiedenen Wissenssysteme integrieren und den Dialog zwischen Disziplinen und Akteuren im Bildungsbereich ermöglichen.

Empirische Studien und Implementierung: Walgenbach stützt seine theoretischen Überlegungen mit empirischen Studien und Beispielen, die verdeutlichen, wie systemtheoretische Konzepte in der Bildungspraxis umgesetzt werden können. Dabei zeigt er, wie interdisziplinäre Ansätze zur Förderung von Lernprozessen und zur Steigerung der Effektivität von Bildung beitragen können.

Die Bedeutung der Publikation im Kontext der interdisziplinären System-Bildung:

Die Publikation von Walgenbach aus dem Jahr 2000 bietet ein fundiertes theoretisches Fundament für die interdisziplinäre System-Bildung, indem sie sowohl die Systemtheorie als methodisches Werkzeug für die Bildungsforschung etabliert als auch praktische Handlungsansätze liefert. Besonders hervorzuheben ist die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die Walgenbach in dieser Arbeit leistet.

Die Integration verschiedener Disziplinen und die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Wissensfeldern werden als Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Bildungsprozesse hervorgehoben. Walgenbachs interdisziplinärer Ansatz zeigt, wie unterschiedliche Perspektiven und Disziplinen (wie z. B. Pädagogik, Psychologie, Soziologie, etc.) in der Bildungspraxis sinnvoll miteinander verbunden werden können, um eine ganzheitliche und komplexe Betrachtung von Lernprozessen zu ermöglichen.

Die Veröffentlichung hat somit nicht nur akademische Relevanz, sondern auch praktische Bedeutung für die Gestaltung interdisziplinärer Bildungsprogramme, die den dynamischen und sich selbst organisierenden Charakter von Lernprozessen berücksichtigen.

Die Diskussion über die systemische Perspektive auf Lernen und Erkenntnisprozesse, die durch diese Arbeit angestoßen wurde, prägt die Bildungstheorie bis heute.

Die Publikation befasste sich mit der Frage, wie Lernprozesse nicht nur durch individuelle kognitive Prozesse, sondern auch durch die Wechselwirkungen und die Systemdynamik innerhalb von Lernumgebungen und sozialen Kontexten gestaltet werden. Dies beinhaltete eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Konzepten der Selbstorganisation, des sozialen Austauschs und der Autopoiesis (Selbsterschaffung von Systemen), wie sie in der Systemtheorie entwickelt wurden.

Die Publikation diskutierte auch Musterbeispiele aus der Praxis und empirische Studien, die zeigten, wie diese systemischen Ansätze auf die Gestaltung von Lernprozessen angewendet werden können. Implementierungsstrategien wurden aufgezeigt, die darauf abzielten, Lernumgebungen so zu gestalten, dass sie selbstorganisierende Prozesse anregen und die Interaktion zwischen Lernenden und ihrem sozialen Umfeld als Lernressource nutzen.

Diese Ansätze standen im Kontext der Diskussion um die Rekonstruktion von Wissen und Erkenntnis, wobei auch die Rolle der Erkenntnis-Tätigkeit und der Mittel zur Wissensproduktion im Fokus stand. Der Einfluss von Luhmann und anderen Denkern lag darin, dass Lernen nicht nur als individuelles kognitives Phänomen verstanden wurde, sondern als ein dynamischer Prozess, der durch systemische Wechselwirkungen und die Selbstorganisation von Wissenssystemen geprägt ist.